Beratungsstelle Extremismus: Thema Beratung von Angehörigen

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Thema Beratung von Angehörigen

„Hilfe, mein Kind ist radikal!“ – Die Beratungsstelle Extremismus ist erste Anlaufstelle für Eltern und Angehörige, wenn sie vermuten, dass sich Jugendliche in ihrem familiären Umfeld radikalisieren.

Radikalisierung in Richtung gewaltbereiter Extremismus ist ein Prozess, der vielfältige und mitunter komplexe Ursachen hat. Wiewohl es Faktoren wie Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen oder prekäre soziale Verhältnisse gibt, die eine Radikalisierung begünstigen können, ist jeder Radikalisierungsverlauf individuell.
Extremistische Ideologien finden nicht nur am Rande der Gesellschaft ihren Nährboden. Sie legitimieren auch bestehende Machtverhältnisse und haben die Sicherung von Privilegien zum Ziel. Durch Überhöhung der eigenen Position und Abwertung anderer (Frauen, Minderheiten, MigrantInnen) werden Machtverhältnisse legitimiert.
Jugendliche sehen sich in ihrem Identitätsfindungsprozess mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert. Die Phase der Adoleszenz ist durch zahlreiche Ambivalenzen, die Notenwendigkeit, sich von der Erwachsenenwelt abzugrenzen, einem starken Bedürfnis nach Gerechtigkeit und wechselnden Emotionen gekennzeichnet.
Extremistische Gruppierungen greifen Bedürfnisse von Jugendlichen nach Zugehörigkeit, Geborgenheit, Orientierung und Sinn auf und instrumentalisieren diese für ihre politischen Zwecke. Bei wiederkehrenden Frustrationserlebnissen, mangelnden alternativen Beziehungsangeboten und fehlenden Perspektiven kann ein Radikalisierungsprozess genährt werden, der schlussendlich zu Gewaltbereitschaft führen kann.

Beratung von Angehörigen

Eine Mutter wendet sich an die Beratungsstelle Extremismus, weil ihr Sohn Mitglied in einer WhatsApp-Gruppe ist, in der neonazistische und pornografische Inhalte verbreitet werden. Ein Vater macht sich Sorgen um seine Tochter, die sich für eine dschihadistische Gruppierung interessiert und den Kontakt zu ihm abgebrochen hat, nachdem sie zu ihrem Freund gezogen ist. – Wenn sich Eltern und nahe Angehörige an die Beratungsstelle Extremismus wenden, haben sie oftmals schon einen hohen Leidensdruck: Der/die Jugendliche hat sich stark verändert, kapselt sich von der Umwelt ab, provoziert mit radikalen politischen Ansichten, ist für die Eltern nicht mehr zugänglich.
Im Erstgespräch wird den Eltern viel Zeit gegeben, ihre Situation zu schildern. Oft ergeben sich dadurch schon Hinweise, auf Hintergründe und Ursachen für die Zuwendung zu einer extremistischen Gruppierung. Jugendliche, die wenig Selbstbewusstsein haben, können in einer extremistischen Gruppierung eine Stabilisierung ihrer Identität erfahren. Mangelnde Selbstsicherheit kann vielfältige Gründe haben: Brüche in der Biografie, Gewalt- oder Diskriminierungserfahrungen. Andere Jugendliche finden in ihrer Peer-Gruppe Gleichgesinnte, mit denen sie ihre Sicht auf die Welt teilen, politische Handlungsfähigkeit erproben und Selbstwirksamkeit erfahren.
Im Beratungsprozess geht es darum, den Motivationshintergrund und Orientierungsgrad für die Radikalisierung des/der Betroffenen mit professioneller Unterstützung zu ergründen.

  • Was macht die extremistische Gruppierung für meine Tochter oder meinen Sohn attraktiv?
  • Welche Angebote werden gemacht?
  • Welche Wege und Erfahrungswerte gibt es für den Umgang mit extremistischer Ideologisierung?

Der ressourcenorientierte Beratungsansatz der Beratungsstelle Extremismus versucht Eltern und das soziale Umfeld in schwierigen Situationen in ihren bestehenden Stärken und Fähigkeiten zu bekräftigen – nach dem Motto: Beziehung vor Erziehung und Beziehung vor Bildung. Nur wer die Beziehung zum/zur Betroffenenaufrecht erhält bzw. wieder herzustellen versucht, kann eine Alternative zur extremistischen AkteurInnen sein.
Ein erster Rat an Angehörige ist es, nicht in Panik zu verfallen, nicht zurückzuweichen, wenn provoziert wird, sondern zu versuchen, in Beziehung zu bleiben und über Empathie in ein vertrauensvolles Gespräch zu kommen. Wichtig ist es, zwischen der Beziehung zum Kind und dessen Handlungen zu differenzieren, also nicht die Person zu bewerten, sondern ihr Verhalten. Eltern können ein Beziehungsangebot machen, indem sie ihrem Kind kompromisslos vermitteln: Du bist unser Kind, wir lieben und schätzen dich. Im nächsten Schritt geht es darum zuzuhören, Interesse an den Meinungen und Erlebnissen der Jugendlichen zu zeigen und mit ihnen über ihre Überzeugungen zu sprechen. Hilfreich in der Kommunikation ist es, offene Fragen zu stellen, die Raum geben für Beweggründe und Bedürfnisse. Eltern können folgende Überlegungen anstellen:

  • Was brauche ich für ein wertschätzendes Gespräch mit meiner Tochter?
  • Wie kann ein Gespräch auf Augenhöhe mit meinem Sohn stattfinden?
  • Was braucht es für eine angstfreie Umgebung, in der sich mein Kind sicher fühlen kann, seine Ansichten und Bedürfnisse zum Ausdruck zu bringen?

Wenig hilfreich ist es, autoritär mit Verboten zu agieren, da in den allermeisten Fällen mit Rückzug und Widerstand zu rechnen ist und es dadurch schwieriger wird, eine vertrauensvolle Beziehung (wieder)herzustellen. Die Ablehnung extremistischer Sichtweisen kann jedoch sehr wohl klar zum Ausdruck gebracht werden und die eigenen Grenzen artikuliert werden. Selten sinnvoll ist es allerdings, sich auf ideologische Debatten oder rechtspopulistische Argumentationsweisen einzulassen. Förderlich sind hingegen Angebote für positive gemeinsame Erlebnisse mit der Familie und FreundInnen außerhalb der extremistischen Szenen.

Situationsanalyse

Für die Situationsanalyse verwendet die Beratungsstelle Extremismus das „Fünf-Säulen-Modell der Identität“ des Psychologen Hillarion Petzold (1993). Sie verfolgt damit einen psychosozialen, lebensweltorientierten Ansatz.
Vereinfacht ausgedrückt geht das Modell davon aus, dass sich die Identität eines Menschen auf folgende fünf Säulen stützt: Leib/Leiblichkeit, soziales Netzwerk/soziale Bezüge, Arbeit/Leistung, materielle Sicherheit sowie Werte. Diese Säulen sind nicht unabhängig voneinander zu betrachten, sondern stehen miteinander in Beziehung: Wird eine der Säulen stärker oder schwächer, hat das Auswirkungen auf die anderen. Beeinflusst werden die Säulen auch von strukturellen, globalen politischen und ökonomischen Faktoren (z.B. materielle Sicherheit, Krieg, Trauma, Migrationsgeschichte etc.). Je instabiler und brüchiger die jeweiligen Säulen der Identität sind, desto instabiler ist die Identität selbst.
Unter Identität wird die einzigartige Persönlichkeitsstruktur eines Menschen verstanden: Wer bin ich? Was macht mich aus? Worüber definiere ich mich? Wie werde ich von anderen gesehen? Identität entwickelt und verändert sich im Laufe des Lebens und jeder Mensch durchläuft Identitätskrisen. Identität ist also kein starres Konstrukt, sondern ein lebenslanger und dynamischer Prozess.
Die Beratungsstelle Extremismus hat dieses Modell insbesondere für die Bedürfnisse der Jugend adaptiert und weiterentwickelt. Es definiert die Säulen wie folgt: Die Säule der Leiblichkeit (Körper/Psyche), soziales Netzwerk (Familie, FreundInnen, soz. Nahbereich), Leistung, Perspektive/Sinn/Sicherheit und Werte/Ideale.
Die Säule der „Leiblichkeit“ umfasst folgende Aspekte: Wie gesund fühle ich mich? Fühle ich mich akzeptiert? Wie stark/schwach fühle ich mich? In der Säule „Soziales Netzwerkes“ geht um soziale Kontakte: Wie viele FreundInnen habe ich? Fühle ich mich von meinen Eltern verstanden? Die Säule der „Leistung“ wiederum beschreibt nicht in erster Linie schulische Leistungen, sondern stellt vielmehr Fragen wie: Wie viel Anerkennung bekomme ich für meine Leistungen? Fühle ich mich wertgeschätzt für das, was ich kann? Die Säule „Perspektiven“ beinhaltet neben der Aussicht auf materielle Sicherheit und einer damit verknüpften Jobperspektive auch Aspekte von Sinnsuche: Wohin will ich? Was macht mich glücklich? Die „Wertesäule“ schließlich wird gestärkt durch Antworten auf die Fragen: Woran glaube ich? Was finde ich ungerecht? Was gibt mir Halt? Letztere ist bei Jugendlichen zumeist stark ausgeprägt.
Für die Analyse, warum sich Jugendliche oder junge Erwachsene einer extremistischen Gruppierung angeschlossen haben, wird die Situation VOR dem Radikalisierungsprozess betrachtet. Der Zeitpunkt, an dem die Eltern sagen würden: „Da war alles noch in Ordnung.“ „Da schien mir mein Sohn/meine Tochter noch vernünftig.“
So kann sich der Frage angenähert werden, warum sich Jugendliche einer extremistischen Gruppierung angeschlossen haben könnten. Was hat sich verändert? Welche Bedürfnisse wurden vielleicht nicht ausgesprochen? Welche Bedürfnisse werden von der neuen Gruppe erfüllt? Womit wurden die Säulen gestärkt?

Alternative Angebote

Im Beratungsprozess geht es in der Folge darum, alternative (Beziehungs-)Angebote zu unterbreiten. Hierbei arbeitet die Beratungsstelle Extremismus mit dem gesamten sozialen Umfeld: Neben den Eltern auch mit LehrerInnen oder SozialarbeiterInnen und –sofern sie es wollen – auch mit den Jugendlichen selbst.
Die Beratung erfolgt ressourcen- und lösungsorientiert. Die Ratsuchenden werden grundsätzlich als ExpertInnen für sich und ihre Lebensgestaltung gesehen, die Stärken und Fähigkeiten zur Lösung ihrer Probleme haben.
Jugendliche und junge Erwachsene können sich durch die Hinwendung zu einer extremistischen Gruppe stabilisieren: Sie fühlen sich akzeptiert, stärker und erfahren Selbstwirksamkeit, die Ideologie gibt ihnen eine klare Orientierung. Auch finden sie Erklärungen für Misserfolge im Leben.
Die BeraterInnen setzen nicht bei der Dekonstruktion der Ideologie an, sondern an der affirmativen Ebene, der Ebene der Beziehung. Ideologiekritische Ansätze haben zu einem späteren Zeitpunkt allerdings durchaus eine Bedeutung – je nachdem wie verfestigt das ideologische Weltbild der betroffenen Jugendlichen ist. Grundsätzlich aber geht es darum, dass die Jugendlichen wieder Vertrauen finden und Perspektiven im Leben sehen. Je nach Fall unterstützen die BeraterInnen auch bei der Berufsorientierung, der Arbeitssuche, bei der Vermittlung von Therapieplätzen, bei der Vermittlung zu Angeboten der Offenen Jugendarbeit und zu geeigneten Freizeitangeboten.
Die Loslösung von einer extremistischen Gruppierung ist mitunter ein langer Prozess, der nicht nur von den handelnden Personen gesteuert wird. Was, wenn Jugendliche trotz zahlreicher Bewerbungen keine Lehrstelle finden? Was, wenn Jugendliche eine Migrationsgeschichte haben, auf die sie immer wieder reduziert und hingewiesen werden: „Woher kommst du? Ah, du kommst aus XY? Wieso sprichst du so gut Deutsch?“
Immer wieder gelingt es, Jugendliche und junge Erwachsene beim Ausstieg aus der extremistischen Gruppierung zu begleiten und dazu beizutragen, dass sie alternative Entwicklungsmöglichkeiten für sich erkennen. Ein familiäres Umfeld, das sich bewusst ist, wie wichtig die Familie als emotionaler Bezugspunkt ist und sich aktiv einbringt, spielt dabei eine Schlüsselrolle.

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