Beratungsstelle Extremismus: Thema Christlicher Fundamentalismus

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Thema Christlicher Fundamentalismus

Politische Einflussnahme, Angriff auf sexuelle und reproduktive Rechte und Gewalt

Der Politikwissenschafter Alexander Kühn hat sich in seiner Dissertation mit christlichem Extremismus auseinandergesetzt. Christliche Gruppierungen finden seiner Meinung nach in der Extremismus-Forschung zu wenig Aufmerksamkeit, obwohl auch sie eine Gefahr für den demokratischen Verfassungsstaat darstellen.
Christlich-fundamentalistische Gruppierungen berufen sich auf die Bibel als nicht zu hinterfragendes Wort Gottes und befolgen die Handlungsanweisungen der Bibel wörtlich und ohne Interpretation im historischen Kontext. Sie grenzen sich klar gegenüber anderen christlichen Kirchen und Bewegungen ab, da sie für sich beanspruchen, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein. So bekämpfte auch der Ku-Klux-Klan im Namen eines radikalen Protestantismus katholische Ausprägungen des Christentums. Dem Terror des gewalttätigen und rassistischen Ku-Klux-Klans fielen tausende Schwarze zum Opfer.
Immer wieder werden gewalttätige Aktionen von den Tätern mit religiösen, christlichen Werten begründet. 1993 verübte in den USA ein Abtreibungsgegner einen Mord an einem Arzt. Seine Tat begründete er mit einem Bibelzitat: „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll auch durch Menschen vergossen werden.“ Ein Bombenanschlag auf die Olympischen Spiele in Atlanta 1996 kostete zwei Menschen das Leben, über 100 wurden verletzt. Der Täter war ein Aktivist der christlich-extremistischen Terrororganisation „Army of God“. 1998 feuerte ein Mitglied von Aryan Nations mit einer Maschinenpistole auf ein jüdisches Gemeindezentrum in Los Angeles und verletzte fünf Personen. Und auch der Norweger Anders Breivik, der 77 Menschen tötete, bezeichnete sich selbst als Kreuzritter im Kampf gegen die Islamisierung.

Auch abseits militanter und gewalttätiger Aktionen setzen sich christlich-fundamentalistische Gruppierungen immer wieder für gesellschaftspolitische Forderungen ein. So haben in den USA konservative bis rechte Christliche Gruppierungen seit den 1980er Jahren an politischem Einfluss gewonnen und lobbyieren für ihre politischen Forderungen: Verbot von Homosexualität, Verbot von Schwangerschaftsabbruch, Verbot von Pornographie oder die Berücksichtigung der biblischen Schöpfungsgeschichte im Biologieunterricht. Auch in Deutschland strebt etwa der Verein „Christliche Mitte“ (CM) die Etablierung des Christentums als Staatsreligion an.

Christlicher Fundamentalismus in Österreich
In der Beratungsstelle Extremismus sind nur 1,2% aller Anrufe dem Themenspektrum Christlicher Fundamentalismus zuzurechnen. Meistens sind es Angehörige, die sich an die Beratungsstelle wenden, weil sich ein Familienmitglied in einer freikirchlichen Gemeinde engagiert.

Freikirchen und Evangelikale Gemeinden sind in den letzten Jahren in Österreich verstärkt ins Gespräch geraten. Hier gilt es aber genau zu differenzieren: Beide Milieus sind äußerst heterogen und umfassen liberale Gemeinden mit kritischer Bibel-Exegese genauso wie konservativ-fundamentalistische Gruppierungen, die ihre Glaubenspraxis und gesellschaftspolitisches Engagement unterschiedlich leben.
So versammeln die „Freikirchen in Österreich“ unterschiedliche freikirchliche Strömungen (Baptistische Gemeinde, Evangelikale Gemeinden, mennonitische Freikirche, Freie Christengemeinde), die seit 2013 gemeinsam offiziell als Kirche in Österreich anerkannt sind. Die dort versammelten Gemeinden bestehen insgesamt aus etwa 20.000 Gläubige. Gemeinsame Schwerpunkte der Glaubenslehre sind etwa das persönliche und freie Bekenntnis, die Betonung der Bibel als Wort Gottes sowie die Trennung/Freiheit von staatlichen Institutionen.
Auch in Evangelikalen Gruppierungen sind das Wort der Bibel sowie die persönliche Beziehung zu Gott zentral. Der Bund Evangelikaler Gemeinden versammelt gegenwärtig etwa 60 Gemeinden.

Öffentliches politisches Engagement und Lobbying durch christlich-(fundamentalistische) Gruppierungen wird in Österreich wenig sichtbar. Auch militantes Engagement für gesellschaftspolitische Anliegen ist in Österreich selten. Christlich-fundamentalistische Gruppierungen, die öffentlich auftreten sind zumeist mit der Pro-Life-Bewegung vernetzt (deren Fokus der Kampf gegen Schwangerschaftsabbrüche ist), wie „Jugend für das Leben“, „Human Life International” oder „Pro Vita”. Es kam aber auch hierzulande schon zu Übergriffen auf Frauen vor Abtreibungsklinken.

Gegen sexuelle und reproduktive Rechte
Generell bilden die Themenkreise Gender, Geschlechterverhältnisse und reproduktive Selbstbestimmung ein breites Betätigungsfeld radikaler und konservativer christlicher Netzwerke, auch in Europa. Konservative oder rückschrittliche Positionen stehen hier aber auch häufig in Einklang mit staatstragenden politischen Parteien oder/und traditionellen gesellschaftlichen Strukturen und Werten.
Während homosexuelle Beziehungen in Kroatien etwa immer mehr Akzeptanz finden, sprachen sich im Jahr 2013 dennoch fast 2/3 der Bevölkerung dafür aus, die Ehe ausdrücklich als Verbindung von Mann und Frau zu definieren. Die christliche Vereinigung „Im Namen der Familie“ war an der Kampagne federführend beteiligt. In Polen ist seit Jänner 2021 Schwangerschaftsabbruch auch dann nicht mehr möglich, wenn mit schweren Fehlbildungen des Kindes zu rechnen ist. Polen hat damit eines der strengsten Abtreibungsgesetze in Europa. In Ungarn verbietet ein vor kurzem beschlossenes Gesetz, Menschen unter 18 Jahren Informationen über Homosexualität, Transsexualität und Geschlechtsanpassungen zukommen zu lassen. Von Wikileaks veröffentlichte Dokumente legen nahe, dass bei der Stiftung Citizen Go viele Fäden zusammenlaufen. (Vgl. Der Standard: Neue Wikileaks Dokumente über Netzwerk fundamentaler Christen mit rechten Parteien)  Cititzen Go arbeitet mit Online-Petitionen gegen die Rechte von LGBTIQ-Personen, gegen Schwangerschaftsabbruch oder auch für eine Schule „ohne Masken, Tests und Impfungen“, würde sich aber nach außen als neutrale Plattform für BürgerInnen präsentieren.

Das Netzwerk „Agenda Europe“ besteht dagegen aus einem überregionalen Zusammenschluss unterschiedlicher AkteurInnen im Engagement für konservative Werte: Es leitet in seinem Manifest „Restoring the Natural Order“ konservative christliche Standpunkte aus dem „Naturrecht“ ab und legt umfassende Argumentationshilfen gegen sexuelle und reproduktive Rechte vor. Verboten werden sollen Sexualkundeunterricht, Verhütung, Schwangerschaftsabbruch, Scheidung und die gleichgeschlechtliche Ehe.
In Österreich agiert die Bürgerinitiative #Fairändern gegen die reproduktiven Rechte von Frauen. Die ÖVP-Nationalratsabgeordnete Gudrun Kugler ist in unterschiedlichen christlich-fundamentalistischen Netzwerken unterwegs – Verbindungen gibt es auch zu CitizenGo und Agenda Europe. Sie kämpft gegen Schwangerschaftsabbruch, Homosexuelle und sexuelle Rechte.

Nicht unerwähnt bleiben soll allerdings, dass Kirche und Christentum auch anders gelebt werden (können), was gerade auch die jüngst gehissten Regenbogen-Fahnen an mehreren österreichischen Kirchen zeigen.

 

Für das feministische Magazin an.schläge hat Verena Fabris mit Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen gesprochen:
“Spiritueller Missbrauch ist ein absoluter Tabubereich”

 

Quellen und Literatur

Kühn, Alexander (2017): Christlicher Extremismus in Deutschland: Das Verhältnis der Partei Bibeltreuer Christen, Christliche Mitte, Priesterbruderschaft St. Pius und Zeugen Jehovas zum demokratischen Verfassungsstaat. Leipziger Universitätsverlag.

Mit Parallelen zu islamistischen Ideologien: „Christlicher Extremismus in Deutschland“.  (abgerufen am 17.08.2021)

Die „Agenda Europe“. Strategien und Ziele eines Netzwerks gegen sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte in Europa
(abgerufen am 17.08.2021)

Evangelikale Christen – konservativ bis radikal. (abgerufen am 17.08.2021)

Christlicher Fundamentalismus. (abgerufen am 17.08.2021)

Europa: Rechte Netzwerke formieren sich entlang familienpolitischer Themen.  (abgerufen am 17.08.2021)

Neue Wikileaks-Dokumente über Netzwerk fundamentaler Christen mit rechten Parteien. (abgerufen am 17.08.2021)

 

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